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Little Elephant

 

Leider unveröffentlicht: Eine hübsche Geschichte, die damit beginnt, dass einem Elefantenjungen anstelle seines Rüsselchens ein Saxophon ins Gesicht gezaubert wird. Tja, manchmal ist die Kunst auch ein Fluch und in diesem Sinne ist die Geschichte streng autobiographisch... 

“Wie der kleine Elefant den Jazz kennengelernt hat" Kalle Becker, 1992

 

Also, es war einmal, da war der kleine Elefant wirklich noch ganz klein gewesen…

Da war er aber auch noch nicht der kleine Elefant genannt worden, in der Art wie sich manche Musiker oder Indianerhäuptlinge Little Richard oder Little Big Man nennen.

Er hieß ganz einfach Pumi – oder Hänschen, oder Fanti – wie alle Elefanteneltern ihre Kinder so halt rufen. 

Sein Papa war der grösste Trompeter im Viertel. Nicht schön, aber laut, und laut, das war gut so, denn es war das, was unter den Elefanten zählte.

Zu Hause machte es zwar viel Laerm, aber den kleinen Elefanten hat es nicht weiter gestört. Schliesslich ist er von den Großen nicht ganz so oft verhauen worden wie die anderen. Man kannte seinen Vater und hatte vor ihm Respekt. Die Welt war schon ganz Okay so, wie sie war!

Das Trompeten selbst hat den kleinen Elefanten eigentlich nicht recht interessiert. Manchmal trötete er ein wenig vor sich hin, aber dann spielte er doch lieber mit Bauklötzen und so Sachen.

 
 

Gemerkt, dass irgendwas nicht stimmt, hat er aber erst viel später, als die anderen anfingen Fußball zu spielen und heimlich zu rauchen…

Er fand es schlicht und einfach unsinnig, denn, mein Gott, Rauchen hätte er auch zu Hause dürfen – Mama hätte ein wenig gejammert, und Papa hätte es dann erlaubt. Und Fußball fand er eben einfach doof. 

Es war dieselbe Zeit, in der er auch die Pickel am Hintern bekam und rasend anfing zu wachsen.

Schliesslich ging dann noch der Ärger mit der Stimme los, und das war das eigentlich Schlimme an der ganzen Sache. Immer , wenn der den Mund aufmachte, wusste er nicht, was für ein Ton herauskommen würde. Mal hoch, mal tief, ein ewiges Rauf und Runter in der Tonleiter, und es machte ihn verflucht nervös.    

So ist es eben bei den Jungs, wenn sie älter werden. Die Stimme hat keine Lust, auf einmal erwachsen zu sein. Sie wehrt sich, so lange sie kann. Und sie macht in dieser Zeit, was sie will – mal Bass, mal Sopran, und es klingt schrecklich.

 

Die Erwachsenen lachen darüber und nennen es Stimmbruch, was die Sache nicht eben besser macht. Der Papa holte ihn in dieser Zeit sogar gelegentlich mal zum Vorsingen – weil es so komisch war… Meistens waren gerade Freunde von ihm da, und es war zum Kotzen!

Und der kleine Elefant wurde immer nervöser.

Und dann hat er ihnen plötzlich einmal seine Meinung gesagt. Seinem Papa hat er gesagt, dass der von Musik keinen blassen Schimmer habe, und dass er nur so laut blasen würde, um sich hier vor allen aufzuspielen – dass er ein alter Wichtigtuer sei, und dass man so laut blasen eben nur dann kann, wenn man nicht viel im Kopf hat; die Resonanz ist einfach besser…

Die Erwachsenen haben jetzt nicht mehr gelacht, denn der kleine Elefant hatte sich nicht gerade Mühe gegeben, besonders schöne Worte zu finden für das, was er eigentlich sagen wollte – so nervös ist er gewesen. 

Sein Papa ist aber plötzlich auch ganz nervös geworden, und es gab Krach. Echten Krach, mit Anschreien und Brüllen und so. Und sehr laut, und dann alles noch mit der lädierten Stimme… Schrecklich.

Irgendwann saß der kleine Elefant dann vor der Tür. Die Backen brannten, und natuerlich hat es in dieser Nacht auch noch geregnet – was denn sonst! Also ist er alleine durch die Stadt gelatscht, um sich so seine Gedanken zu machen – über die Pickel, über seinen Vater und über die Trompeterei…

Ein großer Trompeter würde er werden. Noch lauter, viel, viel lauter als sein Vater!

Und als er wieder einmal aus seinen Gedanken auftauchte, stellte er fest, dass seine Augen sich an einem Plakat festgesogen hatten, auf der schon die ganze Zeit blickte, ohne es richtig zu sehen.

Er wusste jetzt nicht einmal genau, wo er sich gerade befand, aber das Plakat wies auf ein Konzert hin. Jemand mit einer Trompete war abgebildet, und da es draussen immer noch regnete, war ein bisschen Musik wohl genau das Richtige, und ein bisschen Geld hatte er auch noch in der Tasche.

Der kleine Elefant konnte etwas Ablenkung gut gebrauchen. Der Club war in irgendeinem Keller. Man musste über eine schmale Treppe hinuntersteigen, und der Raum, in den man kam, war völlig verhangen vom Zigarettenrauch der vielen Menschen, die herumsaßen und auf den Auftritt warteten.

Dem Elefanten hat es in den Augen gebrannt, aber dann hat das Konzert auch schon angefangen, und plötzlich hatte er alles andere um sich herum vergessen.

Jedesmal, wenn der Mann auf der Bühne seine Trompete an den Mund genommen hat, ist dem Elefanten ganz warm geworden, und er hat so komisch weiche Knie bekommen, wie er es sonst nicht kannte.

Dabei hatte der da oben eigentlich gar nicht so viel Puste… Und dann hat das Brennen in den Augen wieder angefangen. Es kam aber diesmal nicht von den Zigaretten, und der kleine Elefant musste ein bisschen heulen. Es ist gut, dass das keiner weiss, denn es wäre ihm nicht recht gewesen.

Als alles vorbei war, ist der kleine Elefant dann ganz benommen nach draussen und hat sich ans Wasser gesetzt, unten bei der Brücke, wo er besser denken konnte – und wo ihn keiner hörte, weil er doch ein wenig das Trompeten üben wollte.

 

Es hat aber keinen Zweck gehabt: Die Töne haben immer noch gemacht, was sie wollten, und fast hätte er wieder angefangen zu weinen, als dann schließlich doch noch seine gute Fee kam. War ja auch langsam Zeit gewesen! Sie hat ihn gefragt, was er hier so dumm rumsitzt und flennt, und der kleine Elefant hat gemerkt, dass er sie mag.

Er hat gemerkt, dass sie in Ordnung ist, und dass man mit ihr reden kann, und so hat er ihr alles erzählt. Alles von zu Hause – das, was dann im Konzert gewesen ist, und sogar, dass er fast hätte weinen müssen, aber nur fast, weil er eben schon groß ist, und große Elefanten weinen nicht, und vor allem hat er ihr erzählt, dass er so blasen koennen moechte, genauso weich und so schön, wie der Trompeter, der übrigens Chat Baker hiess - nur noch weicher und noch ein bisschen schöner, versteht sich…

Und die Fee, die aussah wie Billy Holliday auf ihren schönsten Plattencovern, hat gelacht, und es klang sehr freundlich.

Aber sie hat ploetzlich sehr ernst geguckt und auch ein bisschen traurig, und sie hat etwas gesagt, dass der kleine Elefant nicht so ganz verstanden hat. Sie hat ihm erklärt, dass alle schönen Sachen auch immer ihre schlechten Seiten haben, und ob er sich im Klaren ist, was er da will – weil er nur einen Wunsch frei hat, denn drei Wünsche kommen bekanntlich nur im Märchen vor.

Der kleine Elefant ist ganz aufgeregt gewesen, dass er fast nichts mehr denken konnte, und als er “Ja” geantwortet hat, da war es eigentlich eher ein Versehen.

 

 

 

Und so war es dann auch passiert, und schon ist es zu spät gewesen, noch etwas dran zu ändern; die Fee war verschwunden, und der kleine Elefant hatte ein Saxophon im Gesicht hängen an Stelle seines schönen Kinderrüsselchens, und das Kinderrüsselchen war weg.

Nicht einmal ordentlich spielen hat er mit dem Ding können. Es war dasselbe Durcheinander wie vor der Sache, und es war fürchterlich…

Wären jetzt nicht ein paar Straßenelefanten vorbeigekommen, die sich Nachts immer hier herumtrieben, und hätten sie ihm nicht Prügel angedroht, wie sie es immer taten, wenn ihnen jemand komisch vorkam, so hätte der kleine Elefant bestimmt richtig losgeheult.

Am Liebsten wäre er nach Hause gerannt, hätte dort alles erzählt, Mama hätte ihn in den Arm genommen und ins Bett gebracht. Morgen wäre er dann aufgewacht, und alles wär wieder in Ordnung gewesen, wie es immer war, wenn Mama sich um etwas kümmerte.

 

Und so war es dann auch passiert, und schon ist es zu spät gewesen, noch etwas dran zu ändern; die Fee war verschwunden, und der kleine Elefant hatte ein Saxophon im Gesicht hängen an Stelle seines schönen Kinderrüsselchens, und das Kinderrüsselchen war weg.

Nicht einmal ordentlich spielen hat er mit dem Ding können. Es war dasselbe Durcheinander wie vor der Sache, und es war fürchterlich…

 

Wären jetzt nicht ein paar Straßenelefanten vorbeigekommen, die sich Nachts immer hier herumtrieben, und hätten sie ihm nicht Prügel angedroht, wie sie es immer taten, wenn ihnen jemand komisch vorkam, so hätte der kleine Elefant bestimmt richtig losgeheult.

 

Am Liebsten wäre er nach Hause gerannt, hätte dort alles erzählt, Mama hätte ihn in den Arm genommen und ins Bett gebracht. Morgen wäre er dann aufgewacht, und alles wär wieder in Ordnung gewesen, wie es immer war, wenn Mama sich um etwas kümmerte.

Das Rüsselchen wäre bestimmt wieder da gewesen, und vom Saxophon nicht die Spur – alles nur ein Traum!

 

Es war aber kein Traum, und mit einem Saxophon im Gesicht konnte er sich unmöglich blicken lassen. Trompeten genießen bei Elefanten Hochachtung. Posaunen sind so ziemlich das Grösste, und auch eine Tuba ist etwas Feines. Aber ein Saxophon…

Ein Saxophon ist etwas fuer Memmen. Es ist so ziemlich das Letzte, was einem Elefanten passieren kann. Da hätte er zu Hause gleich mit einer Geige ankommen können!

Und so hat er es gar nicht erst versucht.

 

Eigentlich gab es jetzt nur noch eins, und das hat der kleine Elefant dann auch gemacht. Nämlich üben. Er ist ans Meer und hat sich hingesetzt, und dann hat er losgelegt.

 

 

Er wollte bloß niemanden um sich haben, der ihn ablenkt, und nicht einmal mit Feen hätte er sich jetzt eingelassen, angenommen es wieder einmal eine vorbeigekommen. Kam aber nicht. Es war eine verflucht einsame Zeit.

Ist mal jemand so durch Zufall aufgetaucht und hat sich zu ihm gesetzt, um ein bisschen zu quatschen, hat der kleine Elefant sich einfach blöd gestellt und kein Wort verstanden.

Meistens hat er auch wirklich nichts kapiert, weil er nämlich mit seinen Gedanken ganz woanders gewesen ist und in seinem Kopf weiter geübt und geübt hat.

So ist eine ganze Menge Zeit vergangen, und es war eigentlich nie langweilig, bis es dann doch langweilig wurde. Irgendwann muss man ja mal wieder mit jemandem reden. Am liebsten hätte er jetzt einen Freund gehabt, dem es genauso gegengen wäre wie ihm, und man hätte zusammen üben koennen. Aber das blieb nur so ein Traum. Und der kleine Elefant ist trotz seines gänzlich bescheuerten Aussehens irgendwann wieder zurück in die Stadt…

 

 
 

Die vielen Menschen dort haben ihn erst ganz verrückt im Kopf gemacht, denn er war es nicht mehr so richtig gewöhnt. Aber schön war es auch. Und vor lauter Glück hat sich der kleine Elefant an den Straßenrand gestellt, und er hat ein bisschen gespielt. Besonders die Kinder hatten Spass daran, und der kleine Elefant hat zum ersten Mal gemerkt, dass seine Sachen jemandem gefielen; er würde jetzt öfter in die Einkaufsstraße kommen. 

Eines Tages hat ihn dann dort jemand angesprochen, ob er nicht mal in einem Club spielen möchte, und der Mann hat ihn gar nicht antworten lassen und hat ihn einfach mitgenommen.

 

Und da saß er nun mitten in der Nacht im selben Club wie damals und war wieder einmal unglaublich nervös.

 

Von hinten schob ihn jemand auf die Bühne, eine Stimme flüsterte ihm noch “Alles Gute” zu, und als der Elefant die ganzen Leute gesehen hat, die ihn erwartungsvoll anschauten, da hat er keinen Ton mehr herausbekommen. Ihm ist so schlecht geworden, dass er die Augen zugemacht hat, und da ist ihm plötzlich das Meer wieder eingefallen. An nichts anderes hat er mehr gedacht, als an das Meer, wie ein Verrückter, immer nur an das Meer und an das Rauschen der Wellen und an die Sonne.

Und als er die Augen wieder aufgemacht hat, haben die Leute geklatscht. Jemand ist auf die Bühne gelaufen, hat ihn umarmt, und der kleine Elefant sah, dass der Mann ein bisschen feucht war, so um die Augen – vom Zigarettenrauch, versteht sich.

Und klar ist der kleine Elefant dann ganz fix nach Hause gelaufen.

Er konnte es kaum erwarten, bis die Wohnungstür aufging, und natürlich waren alle sehr, sehr glücklich, dass er wieder da war, mit oder ohne Saxophon. 

 

Und natürlich hat er auch gespielt. Das Allerbeste vom Feinsten hat er geblasen, und die Mama hat sich so gefreut, dass sie den Papa in den Arm nehmen musste, was sie so lange nicht mehr gemacht hatte – so lange schon, dass Papa gar nicht genau wusste, wo er jetzt hingucken sollte.

Und er hat sich ein Taschentuch genommen und hat sich die Nase geputzt.